Blog - Gedanken und Blickwinkel

Nehmen Sie sich kurz Zeit für Themen, die mir im Alltag begegnen. Die Gedanken dazu möchte ich mit Ihnen in kleinen Geschichten und Texten teilen. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Kommentare am Seitenende.


"Superheld"

 

Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich ihn. Jeden Morgen. Ich fahre ins Büro, er ist zu Fuß unterwegs. Manchmal begegnen wir uns schon am Kreisverkehr, an dem ich warten muß, manchmal an der Ampel, manchmal an der Tankstelle. Ob er mich morgens im Auto erkennt und weiß, dass es gestern auch so war´? Ich weiß es nicht. Ich erkenne ihn immer wieder. Warum? Er trägt ein Kostüm, eine Verkleidung, jeden Tag wieder, einen blauen Anzug mit Kaputze, bunt bedruckt, Turnschuhe dazu. Er ist ein Superheld. Er beobachtet seine Welt, immer auf der Suche nach dem nächsten Schauplatz für ein mögliches Verbrechen, dass es zu verhindern gilt. Immer auf der Suche nach Ungerechtigkeit - so scheint es mir jedenfalls. Mit unbeugsamem und mutigem Blick sieht er mir manchmal ins Auto, und jedesmal muss ich zu ihm zurücksehen. Große wache Augen blicken aus einem starren und Gesicht, meist ohne jede erkennbare Miene. Und dann ist da sie. Sie ist immer dabei. Aber sie hat mich noch nie gesehen, so wie sie vielleicht alles andere um sich noch nie gesehen hat. Sie sieht auf ihr Handy. Jeden Morgen geht sie den Weg zum Kindergarten wie in Trance, kurzatmig unter der Last ihres Körpers, in der einen Hand der Bildschirm, an der anderen ein kleiner und dünner Superheld. Der Gegensatz beschäftigt mich seit Tagen immer wieder, und immer wenn ich die beiden sehe, denke ich wieder daran. Der kleine Mann mit den großen Augen, den großen Träumen und dem blauen Anzug, und daneben sie. Hat sie sich selbst vergessen? Hat sie verlernt, aufzusehen? Hat sie bemerkt, dass der kleine Mann an ihrer Hand in Wirklichkeit sie über die Straße führt? Manchmal möchte ich aussteigen und sie ansprechen. Manchmal möchte ich sie wachrütteln, manchmal fahre ich mit einem traurigen Gefühl weiter. Manchmal wünsche ich ihr, dass sie aufschreckt und den Blick wieder aufrichtet, manchmal wünsche ich mir ein bischen was von seinem unvoreingenommenen Blick. Aber immer wünsche ich ihm das Eine: Echte Superkräfte, mit denen er irgendwann tatsächlich zu fliegen beginnt. Sie wird es ihm wohl nicht beibringen können.

"Gute Nachrichten"

 

Jeden Tag erschlagen uns die Ereignisse, die um uns herum passieren. Um uns herum? Wirklich? Was passiert denn tatsächlich um uns herum? Sind die Dinge, die wir lesen oder hören, Geschehnisse, die unser tägliches Leben betreffen, oder nur solche, die und glauben lassen, sie seien wichtig für uns? Die Suche nach Informationen verkümmert zu einer Fleißarbeit, die daraus besteht, zu filtern und zu sortieren. Ohne diesen Filter ist plötzlich alles relevant. Die vielzitierte Steuerung durch Medien gewinnt täglich Nährboden durch die Abhängigkeit und Neugierde, mit der wir Schlagzeilen in unser Denken und Handeln übernehmen. Nein, mein Leben ist längst nicht so negativ und aussichtslos wie mir da suggeriert wird. Aber wo sind die guten Dinge, über die niemand berichtet? Sind sie nicht genauso relevant? "Heute sind tausende Menschen nach einem ereignisreichen Tag glücklich zu Bett gegegangen." "Heute haben sich schon wieder Millionen Menschen unsterblich verliebt!" "Heute haben tausende nach langer Genesung eine Krankheit überwunden." "Heute wird ein guter Tag, weil wir in unermesslicher Vielfalt, Sicherheit und Frieden leben können." Aufmerksamkeit, Gemeinschaft, Empathie, Lebensfreude, Familie, verwirklichte Träume und Engagement - darüber würde ich gerne mal wieder etwas hören oder lesen. Noch besser: Es mit wachen Augen in meinem tatsächlichen Leben sehen und mich darüber freuen können.

"Die Wahrheit ist falsch ist die Wahrheit"
Was bist Du? Wer ist die Welt? Wo ist deine Zeit? Wann ist Dein Ort? Wie fern ist Dein Zuhause? Wie nah Deine Zukunft? Was vermeidest Du zu tun? Was solltest Du lassen? Welche Bühne ist Dein Theater? In welchem Keller liegen Deine Leichen? Wer kennt Dein Gesicht? Wie wichtig ist das Wichtige? Wie schwer ist Leichtigkeit? Was glaubst Du zu wissen? Was denkst Du zu glauben? Was siehst Du, wenn Du die Augen schließt? Was ist heute vom Gestern noch übrig? Warum weißt Du mehr über das Leben der anderen als über Dein eigenes? Lebst Du Dein Leben oder den Versuch, ihres nachzuahmen? Suchst Du nach Gutem oder erwartest Du den Makel? Wann liegst Du richtig falsch? Wie wird aus einem Traum eine Erinnerung? Wie sagt Dir ein Gedanke was zu tun ist? Und was sagt der Bauch dazu? Und mit welchem Ohr kannst Du Deine innere Stimme hören? Was weißt Du wie die Dinge sind? Und wer hat sie Dir erklärt? Weißt Du was wahr ist? Und wäre es nicht schön, wenn andere das auch so sehen könnten?
Ich bin. Du bist. Wir sind. Das ist wahr. Der Rest ist nur der Versuch, damit klar zu kommen.

"Sendepause"

 

Peter Lustig hatte Recht. Nicht mit allem, aber mit Vielem. Er wusste wie wichtig es ist hinter die Dinge zu schauen, auch unbequeme Fragen zu stellen, seinen eigenen Kopf zu behalten, mit Ressourcen und Kräften zu haushalten, die Augen vor wichtigen Themen nicht zu verschließen und eine warme Hose zu tragen. Und am Ende folgte das Unvermeidbare: Abschalten.

 

Einfach so. Programm vorbei. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Macht euch eure eigenen Gedanken dazu. Oder macht euch selbst auf die Suche. Staunt, bermerkt, tut, interagiert und nehmt wahr. Ihr seid dran. Selbst, aktiv und verantwortlich. Und heute? Glotze aus, Radio an. Radio aus, Handy an. Handy aus, Laptop an. Oder am Besten alles gleichzeitig. Internet, Medien, Social Network, Informationen, Digitale Welt, global verfügbar in Sekunden und direkt in meinem Kopf. Hat mir jemand geschrieben? Was hat die Welt gegessen? Welche Katastrophen sind passiert und mit welchen muss ich in den nächsten Tagen rechnen? War es ein heißer Sommer oder der Anfang vom Ende? Wer trägt die Verantwortung für das ganze Elend, gegen das man sich scheinbar nicht wehren kann? Ich kenne den Namen meiner Nachbarn nicht, aber ich weiß über die Nahost Debatte, das Wetter am Südpol, die Euro Krise, globale Erwärmung, Überschwemmungen und das peinliche Gehampel um Follower, Influencer und Likes Bescheid. Wer bin ich, dass ich das alles wissen muss? Wer bin ich, dass ich zu allem eine Meinung haben muss? Wer bin ich, dass ich nicht selbst entscheiden kann, was mir wichtig ist und womit ich mich beschäftige? Kann ich nicht? Doch, kann ich.  

 

Den ganzen Sommer habe ich keine Nachrichten gelesen. Und ich lebe noch. Ich habe nichts verpasst, was für meinen jeweiligen Aufenthaltsort von Bedeutung gewesen wäre. Aber eben nur genau das. Ein windiger Tag am Meer war ein windiger Tag am Meer - und kein Ausläufer eines drohenden Orkantiefs mit verheerender Wirkung. Wie das Wetter morgen wird habe ich jeden darauffolgenden Morgen selbst gesehen. Ich bin mehrere tausend Kilometer gefahren ohne Navigationsgerät - nur mit einer Straßenkarte. Das steht alles drin was man wissen muss, und für den Rest muss man halt selber denken und entscheiden. Der Kopf war frei aufzunehmen, was ich erlebe und nicht verklebt von dem, was die Welt ungefragt mit mir teilen will. Ohne die ständige Berieselung war es irgendwann möglich, selbst den aktuellen Wochentag zu vergessen. Heute, zurück im Alltag, sehne ich mich nach dem Gefühl, dass der Tag wie ein offenes Buch vor mir liegt. Das ich selbst entscheide, was morgen auf der Seite von gestern in meinem Tagebuch stehen soll. Das mir keine virtuelle Informationsflut den Blick auf die Realität vor meinen Füßen verstellt. Ohne eine Stimme die mich erinnert, "abzuschalten!" ist das gar nicht so einfach. Oder vielleicht doch?

 

Peter, wir brauchen Dich!

"Puzzle"

 

Wer kennt das nicht - das große Puzzle, das nach mühevoller und ausdauernder Arbeit endlich fertig ist. Der Blick auf das fertige Bild ist Belohnung für die stundenlange Suche nach dem richtigen Teil an der dafür richtigen Stelle. Der Anfang war schwer, der Weg bis zum erkennbaren Motiv lang. Zum Ende hin ging es fast schon leicht,  und die letzten Teile legten sich fast wie von selbst an ihren Platz. Jede Kleinigkeit des Bildes ist vertraut, jedes Einzelteil fügt sich endlich in die Vielzahl der Bildteile - Fertig.

 

Leider währt dieses wohlige Gefühl nicht lange. Schon nach kurzer Zeit weicht der Stolz einer fast schon lästigen Scheu, das Puzzle wieder zu zerlegen oder es im Schrank zu verstauen. Es bleibt unbeachtet liegen, und wenn es noch Aufmerksamkeit erregt, dann nur, weil es für etwas anderes im Weg liegt. Fast wehmütig erinnert man sich an die Fastination und den Reiz zurück, den es noch hatte, als hunderte Teile in der Schachtel raschelten, als wollten sie dir zuflüstern: "Los! Trau Dich! Etwas Zeit, Geduld und ein waches Auge - mehr brauchst du nicht!" Das Ende vom Lied: Das Puzzle wandert zurück in seinen Karton, in den Schrank und ist schnell vergessen.

 

Oft kommt es mir vor, als wäre mein Leben auch aus kleinen Puzzleteilen, die alle nur an ihren richtigen Platz wollen. Doch kaum ist ein Bild komplett, ein Ziel erreicht und die Mühe vorbei tritt schnell Ernüchterung ein. Dabei werden die Bilder von Mal zu Mal größer, komplexer, mit mehr gleichförmigen Teilen - es macht kaum einen Unterschied. Mir bleiben verschiedene Möglichkeiten: Entweder ich klebe mein Puzzlewerk auf, hänge es an die Wand und bestaune täglich meine dafür aufgebrachte Schaffenskraft. Oder: Ich fange ein und dasselbe Puzzle wieder von vorne an, und mit der Zeit geht es vielleicht etwas leichter von der Hand - das entstandene Bild ist aber jedes Mal dasselbe. Die dritte Möglichkeit könnte der Versuch sein, das Puzzle ganz anders zusammenzusetzen, aus denselben Teilen ein neues Bild zu erstellen - jeder weiß, wie lückenhaft, krumm und schief das Ergebnis sein wird. Oder: Ich lasse das Puzzlen einfach sein. Aber was wäre, wenn es nicht um das fertige Bild, sondern um das Puzzlen an sich ginge? Ist es nicht wie mit jedem Spiel, dass langweilig wird sobald man es zu gut kennt? Wie mit einer Reise, deren Reiz mit der Anunft am Zielort verblasst? Wie Weihnachten und sein warmes Gefühl, welches eigentlich aus der Vorfreude darauf besteht?

 

Das Leben ist ein Spiel. Das Leben ist eine Reise. Das Leben ist Vorfreude auf das, was kommt. Das Leben ist ein Puzzle. Es bietet täglich neue Motive mit neuen Teilen, deren Bild man erst sieht, wenn man die Kleinen Zähne an der richtigen Stelle verbunden hat. Mit einem Unterschied: Das Leben hat keinen Rand. Es geht immer weiter, mit neuen Anlegemöglichkeiten, neuen Blickwinkeln, neuen Kontakten, neuen Optionen. Es ist dasselbe große Bild, das täglich größer wird und mehr von Deinen Facetten zusammenhält. Klebe es nicht auf, um es still und wehmütig zu bestaunen. Wiederhole nicht ein und dasselbe Motiv immer wieder mit demselben ernüchternden Ergebnis. Versuche nicht, neue Plätze für bereits Passendes zu suchen - es würden nur sichtbare Lücken entstehen. Und hör niemals damit auf. Leg immer weiter an. Greife die neuen Puzzleteile, die auf dem Weg für Dich liegen. Sie werden passen - wenn nicht jetzt, dann vielleicht an anderer Stelle oder etwas später. Es ist Dein eigenes und einzigartiges Bild, das Dir zuflüstert: "Los! Trau Dich! Etwas Zeit, Geduld und ein waches Auge - mehr brauchst du nicht!"

"Der Linie treu bleiben"

 

Schwimmen ist eine schöne Sache. Es ist Entspannung, es ist Bewegung, es ist Leichtigkeit, es ist Ansporn, es ist auf und ab, es ist hin und her. Und es verrät mir sehr viel über meine derzeitige Konstitution. Wie? Gerade gestern ist es mir wieder aufgefallen: Ich schwimme meine Bahnen, während andere Badegäste das Wasser verlassen und neue hinzukommen. Mit jeder Person im Becken werden die Bahnen neu vergeben - und es beginnt ein unauffälliges, lautloses aber spannendes Gerangel: Wer bleibt auf seiner Bahn, wer drängt sich dazwischen, wer macht Platz? Gilt hier das Recht des Stärkeren? Wo wir uns sonst auf die Straßenverkehrsordnung, "Rechts vor Links" oder eine Beschilderung verlassen können gibt es hier nur die Weite des Beckens - und ein paar Linien am Boden. Keine Temporegelung, keine Startnummernvergabe, keine Ansagen oder Hinweise. Bin ich einer, der rücksichtvoll Platz macht? Bin ich einer, der erst einmal eine Kollision riskiert? Bin ich einer, der bleibt wo er ist - sollen sich die anderen danach richten wieviel Platz ihnen übrig ist? Oder der an jedem Anschlag anhält und wartet, wo sich eine Lücke ergibt?

 

Ich erinnere mich gut an das Gefühl, nicht genug "Platz" in verschiedenen Lebenssituationen zu haben, weil andere ihn mir nicht ließen. Oder die Empfindung von anderen zur Rücksichtnahme gezwungen zu sein - und auch ein bisschen Neid auf die Konsequenz der anderen. Betrachte ich mich dabei wie in einem Schwimmbecken muss ich mir eingestehen, dass der Eindruck nicht ganz vollständig war. Ich hätte ihn mir nur nehmen brauchen - Platz war immer genug da! Alles was ich dafür brauche ist "meine Linie" - und die ist im besten Fall gerade und der direkte Weg zwischen einem und dem anderen Beckenende. Ist die Linie ein Zick-Zack-Kurs komme ich zwar auch irgendwie an, bin aber mehr damit beschäftigt eine Lücke zu suchen, als mich gut um meinen Platzanspruch zu kümmern. Und halte ich an jedem Anschlag an um mich neu auszurichten erscheint es mir als zermürbende Wegsuche, die ich genauso quer zu allen anderen schwimmen könnte.

 

Was im Schwimmbad fast schon profan erscheint stellt mich im Alltag vor die täglich neue Aufgabe: Was ist heute das Ende meiner Bahn? Wo will ich in? Und wie verläuft der direkte Weg dorthin? Wieviel Platz benötige ich dafür? Suche ich mir dafür eine Haltelinie am Boden oder lege ich einfach los? Und gehört dazu nicht immer auch ein Sprung ins kalte Wasser? Ja klar! Und es ist unglaublich einfach zu zeigen, was und wieviel man davon benötigt. Und auf einmal richten sich alle nach meiner Linie, nicht, weil ich sie auf Biegen und Brechen durchsetze, sondern weil sie für alle klar sichtbar ist. Und das Tempo, in dem ich mich voranbewege ist zweitrangig geworden. Es ist nicht das Recht des Stärkeren, sondern gleiches Recht für alle. Der Unterschied ist nur, ob man diese Freiheit für sich oder für andere nutzen kann und will. Probieren Sie´s mal aus! Zeigen Sie, wo Sie stehen und wieviel Platz Sie dort brauchen - bleiben Sie Ihrer eigenen Linie treu! Einen direkteren Weg werden Sie nicht finden. Also: Welche Bahn darf es denn heute sein

"Der Zahn der Zeit"

 

Im Moment stecke ich voller Ideen für weitere Angebote und Workshops, mit denen ich Menschen begegnen und ihren Lebensweg ein Stück mitgehen möchte. Und damit darf man es ruhig etwas eilig haben, denn das Leben bleibt nicht stehen und unsere Wege gehen unaufhaltsam voran. Vor Kurzem schrieb ich einem Freund zum Geburtstag eine Nachricht, auf die er anmerkte, dass ihm sein Älterwerden eine gewisse Härte abverlange, mit der er nicht gerechnet hätte. Das gibt zu denken. Aber ich glaube nicht, dass es das Älterwerden alleine ist, welches uns herausfordert. Es ist vielmehr die Tatsache, dass wir uns Tag für Tag klarer darüber werden bzw. werden müssen, wer oder was wir sind - und was nicht. Das Leben läßt uns, je weiter wir darin voranschreiten, immer weniger Raum für Experimente, für Halbwahrheiten oder Richtungswechsel. Was der eine als beruhigende Klarheit erlebt ist für den anderen ein Korsett aus Tatsachen und getroffenen Entscheidungen. Und trotzdem - oder gerade deswegen: Alt werden kann nur der, der nicht mehr jung sein muss! Und das empfinde ich als eine große Belohnung für die jahrelangen Bemühungen irgendwo anzukommen und doch gleich wieder aufzubrechen. Klarheit hat etwas nüchternes an sich - ohne Frage. Aber wer will schon in Unklarheit leben? Zu wissen, wer man ist, was man drauf hat und wie es einen befähigt hat heute hier zu stehen und sagen zu können: "Das alles bin ich!" fühlt sich  an wie ein unantastbarer Schatz, ein fester Schild gegen alles, was uns Tag für Tag entgegensteht und uns herausfordert. Der Zahn der Zeit kann nunmal nicht lutschen - nur beißen! Soll er doch...

"Schweinehund"

 

"Da knurrt er wieder!" sagt sie. "Sobald ich mich auch nur bewegen will, knurrt er!" sagt sie. "Und dann guckt er so"! sagt sie. "Gleich beißt er!" sagt sie. "So wie immer, ich weiß das doch schon vorher!" sagt sie. "Dabei möchte ich doch so gerne!" sagt sie. "Aber er läßt mich einfach nicht!" sagt sie. "Immer dasselbe!" sagt sie. "Das war früher schon so!" sagt sie. "Meine Mutter hatte den auch, bestimmt hab ich den von ihr!" sagt sie. "Ich würde ja wenn ich könnte!" sagt sie. "Aber der da ist schuld daran, dann ich nicht kann wie ich will!" sagt sie. "Schlimm!" sagt sie.

 

"Ja, schlimm!" sage ich. "Gib endlich her - ich geh mit ihm spazieren!"

"Immer dasselbe!" sagt sie.

"Wenig ist viel, aber Vieles zu wenig!"

 

Wer auch immer gesagt hat, Bescheidenheit sei eine Zier, wollte sich damit entweder seine eigene Situation erträglicher machen oder hat tatsächlich geglaubt, es sei eine Tugend sich bewußt in seinen Ansprüchen zurückzunehmen. Oder? Daran ist erst einmal gar nichts Fragwürdiges - jeder kennt Momente in denen ihm oder ihr auffällt, wie wenig man tatsächlich benötigt. Dabei geht es mir noch gar nicht einmal um die Frage nach dem Glück oder Zufriedenheit, sondern einzig um das, was uns ein sicheres und gutes Leben ermöglicht. Umgekehrt kennt jeder das gute Gefühl, sich etwas gegönnt, geleistet oder erreicht zu haben, das vorher beinahe unerreichbar oder sogar unnötig erschien - und das Gefühl, sich damit von anderen unterscheiden zu können. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, sauberes Wasser, Essen, soziale Kontakte und eine Idee von Identität, Wertschätzung und Liebe. Wer all das ohne Gefahr zur Verfügung hat kann sich glücklich schätzen - er hat bereits mehr als viele andere. Und trotzdem reichte es den wenigsten zu einem erfüllten und aktiven Dasein. Tatsächlich und greifbar bedrohlichen Mangel zu erleben ist eine Lebenserfahrung, die den meisten Menschen in unserer Gesellschaft erspart bleibt. Und doch sind unter ihnen viele, die sich beklagen über schwere Bedingungen, die es ihnen unmöglich erscheinen lassen, zufrieden und glücklich sein zu können. Dass sie keine Möglichkeiten sehen, aus ihrem Dilemma entkommen zu können. Oder dass sie ohne eigenes zutun in eine Lage geraten sind, die sie zu Passivität und Abhängigkeit von anderen verdammt. Oder dass andere - wissentlich oder unwissentlich - schuld an ihrer Situation seien. Ist es möglich, das Reichtum arm machen kann? Dass Überfluss den Blick für das Wesentliche verwischt? Dass wir unsere Möglichkeiten nicht sehen, weil wir zu viele davon haben? Dass der ständige Blick auf den anderen wichtiger ist als meine Chancen zu nutzen?

 

"Genug ist genug!" - so oder so ähnlich könnte eine gesellschaftliche Identität klingen, die sagen möchte: Wir haben alles was wir brauchen, und wir machen das Beste daraus! Stattdessen missbrauchen wir den Ausspruch um uns darüber zu beklagen, dass all der Überfluss nicht reicht um andere daran teilhaben zu lassen, die der tatsächliche Mangel an Optionen zu uns getrieben hat. Ich bin kein politischer Mensch, und dies ist keine politische Sichtweise. Aber wenn der Fokus auf das, was uns tatsächlich an individuellem Reichtum und Möglichkeiten vergönnt ist, darüber entscheidet, ob wir unter diesen Bedingungen glücklich werden können, dann muss Bescheidenheit wieder eine Zier werden. Vielleicht fällt es uns dann auch wieder etwas leichter, sich um unser eigenes Glück gut zu kümmern.

"Kleine Wunder"

 

Es gibt Tage, die rauben einem den Atem. Nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich. Weil man nicht weiß, was zu sagen ist. Weil man nicht weiß, was als nächstes kommt. Weil man nicht weiß, wie man zeigen kann was gerade im Kopf vor sich geht. Weil es überwältigend ist, was das Herz mit einem macht. Weil man nicht weiß, wie man Freude, Dankbarkeit, Liebe und Sorge in einem Gedanken unterbekommt. Weil man nicht weiß, sondern nur noch fühlt.

 

"Ja oder Nein?"

 

Kann ich mich wirklich gegen etwas entscheiden? Kann ich Gewohnheiten unterbrechen, in dem ich sie einfach ablehne? Ist es hilfreicher etwas abzulehnen, wo es doch das bessere Gefühl macht etwas annehmen zu können? Entscheide ich mich nicht sowieso FÜR etwas anderes und verneine das erste? Ist es nicht trotzdem da, auch wenn ich "nein" dazu sage? Irgendwie verwirrend, aber ich glaube da ist was dran. Ich habe heute nicht aufgehört zu rauchen. Ich habe auch nicht aufgehört Lust darauf zu empfinden oder daran zu denken. Ich habe nicht aufgehört in der Kassenzone den Blick über die Sortenauswahl gleiten zu lassen. Ich habe auch nicht aufgehört, das wohlige Gefühl eines Zuges nach dem Essen in meinen Lungen zu fühlen. Ich habe nicht aufgehört, Kleingeld passend in der Tasche zu haben. Ich habe nicht aufgehört, auf dem Weg zum Auto die Taschen nach einem funktionierenden Feuerzeug abzusuchen. Ich habe nicht aufgehört mir vorzustellen, wie der letzte Zug vor dem Schlafengehen als Rauchwolke in die kühle Abenddunkelheit verschwindet. Ich habe nicht aufgehört Raucher zu sein. Womit ich aufgehört habe? Mich darüber zu ärgern, jemals angefangen zu haben!

 

Habe ich aufgehört zu rauchen? Eigentlich nicht. Ich habe einfach mit etwas anderem angefangen. Etwas noch besserem! Etwas viel Besserem!

 

"Ein Kopf wie ein..."

 

"Du hast einen Kopf wie ein Sieb..." Wieder was vergessen, woran ich eigentlich denken wollte. Oder sollte. Oder könnte, aber mir fällt der Name nicht mehr ein, was wollte ich einkaufen? Heute war doch irgendwas...werde ich alt? Oder doof? Und was soll da dein Spruch mit dem Sieb? Mein Kopf ist kein Sieb, er ist ein...eine...

 

Ich kenne mich schon ein paar Jahre. Ganz gut sogar. Und ein Sieb bin ich sicher nicht. Ich bin kein hohles Gefäß aus dem die Soße rausläuft und irgendein Zeug darin zurückbleibt. Mir gehen Dinge und Erinnerungen nicht einfach durch die Lappen - im Gegenteil. Ganz im Gegenteil. Genaugenommen bin ich eher ein komplett dichtes Gefäß, und du hast nur dann die Chance etwas von meinen Gedanken zu erkennen, wenn etwas überschäumt oder ich mich bequeme, mich etwas zu deiner Seite zu neigen damit was rausschwappen kann. Ich vergesse nichts, denke aber manchmal an so viele andere Dinge das mir das Wichtigste nicht mehr einfällt. Was bin ich?

 

Und da war die Lösung. Direkt vor mir. Etwas trocken und uneben, fest aber nicht hart, nicht glatt und auch nicht rauh, nicht mehr ganz frisch aber bei guter Lagerung lange haltbar, unten etwas bauchig, oben dran wirre und verknotete Reste alter Blätter. Ich bin eine Zwiebel. Eine Denkzwiebel. Nicht, weil sie einem die Tränen in die Augen treiben kann. Nicht, weil sie Blähungen verursacht. Ich bin eine Denkzwiebel, weil die Schichten meiner selbst unter einer dünnen Haut liegen. Weil der erste Eindruck vortäuscht, ich sei trocken innen oder leicht zu verdauen. Weil ich im Dunkeln unter der Erde ausharren kann bis mein Moment gekommen ist, in dem der neue Trieb sichtbar wird und sich entfaltet. Weil der neue Keim immer am Kopf aus mir heraussprießt - sonst täte es ja auch eine schnöde Kartoffel. Weil in mir eine symmetrische Ordnung herrscht die nur funktioniert, wenn alles eng miteinander verbunden ist. Weil Schicht für Schicht eine andere Farbnuance haben kann. Weil ich im Licht glänze. Und weil meine Ringe keinen Anfang und kein Ende haben.

 

Ich bin eine Zwiebel. Eine Denkzwiebel...

Kommentare: 2
  • #2

    Stefan (Freitag, 11 Januar 2019 09:28)

    Warum findet man Ihre Geschichten nirgendwo anders? Weiter so!

  • #1

    Erik (Donnerstag, 29 November 2018 20:41)

    Großartige kleine Geschichten!

Daniel Hinz

Systemische Beratung

Coaching

Seminare

In der Schnette 66

32609 Hüllhorst

0173-2730585

   Empfehlen Sie mich weiter!