"Der Linie treu bleiben"

 

Schwimmen ist eine schöne Sache. Es ist Entspannung, es ist Bewegung, es ist Leichtigkeit, es ist Ansporn, es ist auf und ab, es ist hin und her. Und es verrät mir sehr viel über meine derzeitige Konstitution. Wie? Gerade gestern ist es mir wieder aufgefallen: Ich schwimme meine Bahnen, während andere Badegäste das Wasser verlassen und neue hinzukommen. Mit jeder Person im Becken werden die Bahnen neu vergeben - und es beginnt ein unauffälliges, lautloses aber spannendes Gerangel: Wer bleibt auf seiner Bahn, wer drängt sich dazwischen, wer macht Platz? Gilt hier das Recht des Stärkeren? Wo wir uns sonst auf die Straßenverkehrsordnung, "Rechts vor Links" oder eine Beschilderung verlassen können gibt es hier nur die Weite des Beckens - und ein paar Linien am Boden. Keine Temporegelung, keine Startnummernvergabe, keine Ansagen oder Hinweise. Bin ich einer, der rücksichtvoll Platz macht? Bin ich einer, der erst einmal eine Kollision riskiert? Bin ich einer, der bleibt wo er ist - sollen sich die anderen danach richten wieviel Platz ihnen übrig ist? Oder der an jedem Anschlag anhält und wartet, wo sich eine Lücke ergibt?

 

Ich erinnere mich gut an das Gefühl, nicht genug "Platz" in verschiedenen Lebenssituationen zu haben, weil andere ihn mir nicht ließen. Oder die Empfindung von anderen zur Rücksichtnahme gezwungen zu sein - und auch ein bisschen Neid auf die Konsequenz der anderen. Betrachte ich mich dabei wie in einem Schwimmbecken muss ich mir eingestehen, dass der Eindruck nicht ganz vollständig war. Ich hätte ihn mir nur nehmen brauchen - Platz war immer genug da! Alles was ich dafür brauche ist "meine Linie" - und die ist im besten Fall gerade und der direkte Weg zwischen einem und dem anderen Beckenende. Ist die Linie ein Zick-Zack-Kurs komme ich zwar auch irgendwie an, bin aber mehr damit beschäftigt eine Lücke zu suchen, als mich gut um meinen Platzanspruch zu kümmern. Und halte ich an jedem Anschlag an um mich neu auszurichten erscheint es mir als zermürbende Wegsuche, die ich genauso quer zu allen anderen schwimmen könnte.

 

Was im Schwimmbad fast schon profan erscheint stellt mich im Alltag vor die täglich neue Aufgabe: Was ist heute das Ende meiner Bahn? Wo will ich in? Und wie verläuft der direkte Weg dorthin? Wieviel Platz benötige ich dafür? Suche ich mir dafür eine Haltelinie am Boden oder lege ich einfach los? Und gehört dazu nicht immer auch ein Sprung ins kalte Wasser? Ja klar! Und es ist unglaublich einfach zu zeigen, was und wieviel man davon benötigt. Und auf einmal richten sich alle nach meiner Linie, nicht, weil ich sie auf Biegen und Brechen durchsetze, sondern weil sie für alle klar sichtbar ist. Und das Tempo, in dem ich mich voranbewege ist zweitrangig geworden. Es ist nicht das Recht des Stärkeren, sondern gleiches Recht für alle. Der Unterschied ist nur, ob man diese Freiheit für sich oder für andere nutzen kann und will. Probieren Sie´s mal aus! Zeigen Sie, wo Sie stehen und wieviel Platz Sie dort brauchen - bleiben Sie Ihrer eigenen Linie treu! Einen direkteren Weg werden Sie nicht finden. Also: Welche Bahn darf es denn heute sein

Daniel Hinz

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