"Wenig ist viel, aber Vieles zu wenig!"

 

Wer auch immer gesagt hat, Bescheidenheit sei eine Zier, wollte sich damit entweder seine eigene Situation erträglicher machen oder hat tatsächlich geglaubt, es sei eine Tugend sich bewußt in seinen Ansprüchen zurückzunehmen. Oder? Daran ist erst einmal gar nichts Fragwürdiges - jeder kennt Momente in denen ihm oder ihr auffällt, wie wenig man tatsächlich benötigt. Dabei geht es mir noch gar nicht einmal um die Frage nach dem Glück oder Zufriedenheit, sondern einzig um das, was uns ein sicheres und gutes Leben ermöglicht. Umgekehrt kennt jeder das gute Gefühl, sich etwas gegönnt, geleistet oder erreicht zu haben, das vorher beinahe unerreichbar oder sogar unnötig erschien - und das Gefühl, sich damit von anderen unterscheiden zu können. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, sauberes Wasser, Essen, soziale Kontakte und eine Idee von Identität, Wertschätzung und Liebe. Wer all das ohne Gefahr zur Verfügung hat kann sich glücklich schätzen - er hat bereits mehr als viele andere. Und trotzdem reichte es den wenigsten zu einem erfüllten und aktiven Dasein. Tatsächlich und greifbar bedrohlichen Mangel zu erleben ist eine Lebenserfahrung, die den meisten Menschen in unserer Gesellschaft erspart bleibt. Und doch sind unter ihnen viele, die sich beklagen über schwere Bedingungen, die es ihnen unmöglich erscheinen lassen, zufrieden und glücklich sein zu können. Dass sie keine Möglichkeiten sehen, aus ihrem Dilemma entkommen zu können. Oder dass sie ohne eigenes zutun in eine Lage geraten sind, die sie zu Passivität und Abhängigkeit von anderen verdammt. Oder dass andere - wissentlich oder unwissentlich - schuld an ihrer Situation seien. Ist es möglich, das Reichtum arm machen kann? Dass Überfluss den Blick für das Wesentliche verwischt? Dass wir unsere Möglichkeiten nicht sehen, weil wir zu viele davon haben? Dass der ständige Blick auf den anderen wichtiger ist als meine Chancen zu nutzen?

 

"Genug ist genug!" - so oder so ähnlich könnte eine gesellschaftliche Identität klingen, die sagen möchte: Wir haben alles was wir brauchen, und wir machen das Beste daraus! Stattdessen missbrauchen wir den Ausspruch um uns darüber zu beklagen, dass all der Überfluss nicht reicht um andere daran teilhaben zu lassen, die der tatsächliche Mangel an Optionen zu uns getrieben hat. Ich bin kein politischer Mensch, und dies ist keine politische Sichtweise. Aber wenn der Fokus auf das, was uns tatsächlich an individuellem Reichtum und Möglichkeiten vergönnt ist, darüber entscheidet, ob wir unter diesen Bedingungen glücklich werden können, dann muss Bescheidenheit wieder eine Zier werden. Vielleicht fällt es uns dann auch wieder etwas leichter, sich um unser eigenes Glück gut zu kümmern.

Daniel Hinz

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